Donnerstag, 25. Mai 2017

Einladung zu meiner Lesung am 09.06 um 18h beim Festival ODYSSEE EUROPA in Bremerhaven

Liebe Freunde, es ist mir eine Freude, Euch zu meiner Lesung beim Festival ODYSSEE EUROPA am 09.06 um 18h in Bremerhaven einzuladen.

Anscließend findet das in Bulgarien mehrfach ausgezeichnete Theaterstück  "Добре дошли в България / WILLKOMMEN IN BULGARIEN" von Zdrava Kamenova und Gergana Dimitrova/ produziert von 36 Monkeys statt.

Don´t miss it!

Details: https://www.stadttheaterbremerhaven.de/schauspiel/odyssee-europa/bulgarien-willkommen-in-bulgarien/rahmenprogramm-bulgarien/

Veso




Donnerstag, 4. Mai 2017

Some Bulgarian press about my book: http://p.dw.com/p/2cH8T


My little poem about Copenhagen

COPENHAGEN


Shakespeare used to say
you may find something
rotten on this way
but let´s be honest
and not be funny
to believe you cannot buy
happiness with money
just come to Copenhagen
in the spring
and observe the re-birth
of some of happiest creatures
on this Earth

Montag, 1. Mai 2017

Der Wein, der nicht getrunken werden durfte



Der Wein, der nicht getrunken werden durfte
Die Einladung kam überraschend. Es war der zweite Weihnachtstag. Ich war bei einem Freund zu Besuch und spielte mit seinem kleinen Hund Mimi. Ab und zu verschickte ich mit meinem Handy „Fröhliche Weihnachten“-Nachrichten oder bekam selbst welche. Um Zeit zu sparen, kopierte ich einen Standardgruß, in dem ich meinen Freunden Liebe und Freude wünschte, personalisierte ihn und schickte ihn an die meisten Menschen aus meinem Freundeskreis.
Wenn man Liebe und Freude hat, hat man alles“, dachte ich mir. Dann bekam ich eine unerwartete Nachricht.
Wir machen bei Peter heute ein Abendessen. Magst du dazu stoßen?“
Die SMS kam von einem guten Bekannten. Ein deutscher Freund namens Hans, der bestimmt 35 Jahre alt war und ein eigenes Unternehmen führte.
Wer ist Peter?“, fragte ich zurück.
Bester Freund, graue Haare, klein“, kam als Antwort.
Bester Freund, graue Haare, klein – was für eine Beschreibung. Ich konnte damit wenig anfangen, aber warum sollte ich auch etwas damit anfangen.
Das beste Geschenk, das man einem Menschen machen kann, ist diesem Menschen einen anderen Menschen vorzustellen“, hat ein französischer Poet geschrieben und ich gab ihm recht.
Gerne“, antwortete ich per SMS.
Kannst du was zu trinken mitbringen? Einen guten Wein?“
Klar. Wann geht es los?“
Um 19:30h.“
Ich schaute auf meine Uhr. Es war bereits schon19h.
Rot oder Weiß?“
Rotwein – es gibt Lamm.“
Ich ging nach Hause. Ich hatte einen italienischen Rotwein, der von 100 Punkten einer Weinkenner-Skala 92 bekommen hatte. Ich nahm ihn aus dem Weinregal heraus und schaute ihn mir an. Ein schwarzes Etikett, goldene Buchstaben, gelungenes, visuelles Marketing. Dann packte ich ihn in meine Tasche und ging los. Es regnete. Auf den Straßen von Berlin waren nur einige Touristen unterwegs. Es war Weihnachten und die Menschen verbrachten diesen Abend bei ihren Familien. Die Wohnung von Peter lag nicht weit entfernt. Ich ging zu Fuß und war 15 Minuten später dort. Dann klingelte ich und die Tür ging auf. Ich machte das Licht im Treppenhaus eines alten Gebäudes an und stieg die Treppen hinauf.
Im vierten Stock stand die Wohnungstür offen. Ich ging hinein und grüßte die Menschen in der Küche. Es gab zwei dunkelhaarige Frauen und drei Männer mit grauen Haaren. Die Frauen waren um 40. Einer von den Männern war mein Bekannter. Er stellte mich den anderen vor. Die Menschen machten einen netten Eindruck auf mich. Sie grüßten mich freundlich und waren mit dem Kochen beschäftigt. Es duftete nach Kürbissuppe. Ich hatte Hunger.
Muss man die Schuhe ausziehen?“, fragte ich Hans.
Nein, brauchst Du nicht“, antwortete er. Er trug einen Vollbart, hatte eine Brille mit schwarzem Rahmen und schwarze Jeans an.
Was magst du trinken?“, fragte er mich.
Rotwein und ein Glas Wasser, bitte.“
Im Moment haben wir noch keinen Rotwein offen“, sagte er.
Das kann man schnell ändern“, antwortete ich und holte die Flasche aus meiner Tasche und überreichte sie ihm. Mit dem Blick eines Kenners betrachtete er lang das Etikett.
Ich bin auf diesen Wein gespannt.  Da steht: 92 Punkte von 100 auf der Skala von Guiseppe Maruderi!“
Mal sehen – hoffentlich ist das nicht die Skala seiner Großmutter!“, wollte ich hinzufügen, aber ich hielt mich zurück. Die Menschen waren vornehm angezogen und brauchten keine groben Kommentare aus dem Balkan. Ich kam ins Gespräch mit den Damen. Sie waren aus dem Iran.
Persien ist der Ursprung des Weines, stimmt´s?“, fragte ich die eine.
Ja, Shiraz! Rumi und Hafiz haben den Wein in vielen ihrer Gedichte unsterblich gemacht“, antwortete sie selbstbewusst.
Traurig, dass es heutzutage verboten ist, Wein zu trinken und anzubauen – das ist so nach der moslemischen Revolution, oder?“, versuchte ich das Gespräch zu vertiefen.
Ja, leider! Wein wird nur zu Besuch bei Freunden oder zu Hause getrunken. Sonst riskiert man, dass man öffentlich ausgepeitscht wird“, antwortete die zweite. Sie hatte eine riesige Nase und lockige, dunkle Haare.
Wir setzten uns im Wohnzimmer an einen langen, weißen Tisch, der mit langen, roten Kerzen geschmückt war. Es gab viele schöne, schwarzweiße Fotos von Landschaften an den Wänden sowie einen Stapel von großen Kunstbüchern auf dem Boden.
Es war lustig, mit Menschen den zweiten Weihnachtsabend zu verbringen, die ich zum ersten Mal in meinem Leben traf und wahrscheinlich nie wieder treffen würde. Das war Berlin- offen für alles.
Das Essen schmeckte köstlich. Das Gespräch ging eine Weile um die Haustiere. Katzen gegen Hunde. Viele gingen auf den Balkon, um zu rauchen. Ich ging in die Küche, um dem Gastgeber meine Hilfe anzubieten. Er lehnte höflich ab. Ich sah am Küchentisch eine zweite Flasche Rotwein stehen.
Sollte ich diese Flasche auch aufmachen?“, fragte ich ihn.
Klar“, sagte der kleine Mann mit grauen Haaren. Er hatte etwas Warmes, etwas Fröhliches in seiner Ausstrahlung. Er gab mir einen Korkenzieher und ich machte sie auf. Ich sah, dass sie einen Alkoholgehalt von 14,5% hatte und aus Frankreich kam. Ich schenkte mir ein wenig ein und war überrascht, wie gut es schmeckte.
Ich nahm die Flasche mit mir ins Wohnzimmer und stellte sie auf den Tisch. Daneben standen noch einige Flaschen Weißwein und meine Rotwein-Flasche, die fast ausgetrunken war. Mein Bekannter kam vom Balkon zurück und schenkte sich von meinem Wein in sein Glas ein.
Probiere den französischen!“, sagte ich zu ihm.
Mir schmeckt er besser“, fügte ich hinzu.
Der französische...“, sagte er leise vor sich hin und ich sah wie sein Gesicht rot vor Aufregung wurde.
Hast Du ihn aufgemacht?“, fragte er. Seine Frage klang eher wie ein Seufzer.
Ja, gerade“, antwortete ich.
Hans nahm die Flasche in die Hand, hielt sie fest und schaute mich perplex an, ohne ein Wort zu verlieren. Sein Atem beschleunigte sich, seine Augen wurden klein, sein Gesicht rot, seine Stirn lag in Falten. In seinem Gesichtsausdruck sah ich eine Ansammlung von Vorwürfen.
Du hast ihn gerade aufgemacht...“, wiederholte er vor sich hin.
Ja. Ich habe Peter gefragt und er meinte, ich könnte die Flasche öffnen. Solche Weine brauchen ein bisschen mehr Zeit zum Atmen. Hätte ich es nicht tun sollen?“
Weißt Du, dieser Wein kostet mehr als 80 Euro...“, sagte mein Bekannter.
Er setzte sich hin, schaute weiter auf die Flasche in seiner Hand mit einer Mischung aus Traurigkeit, Wut und einem Hauch von Verzweiflung und schüttelte den Kopf. Seine Stimme wurde tiefer. Er wollte nett sein, konnte aber nicht. Seine Stimme klang wie Kakao, der ohne Zucker serviert wurde und bitter schmeckte.
Ich nahm diesen Wein mit mir bestimmt zu zwanzig Mal verschiedenen Abendessen mit und wartete auf den passenden Augenblick, um ihn zu trinken…“.
Er stand wieder auf. Er hielt die Flasche fest in seiner rechten Hand. Wir waren allein im Wohnzimmer. Die Anderen hielten sich auf dem Balkon auf. Hans setzte seine Rede mit lauter Stimme fort:
Dieser Wein vergewaltigt dich nicht. Dieser Wein bezwingt dich mit seiner sanften Härte. Das ist ein Wein, der dir das Zeichen geben sollte, die Erlaubnis erteilen sollte, um ihn trinken zu dürfen...“
Mein Freund, der Geist des Weins sprach zu mir, dass ich ihn aus der Gefangenschaft der Flasche erlösen sollte“, wandte ich ein.
Ich hörte deutlich seine Stimme. Sie war weich und hatte eine Tiefe, die mich in der Tat bezwungen hat“, fügte ich hinzu.
Hans schaute mich ungläubig an.
Wirklich?“
Ein Witz, Alter – entspann´ Dich! Du redest von diesem Wein wie vom Mount Everest. Der Berg erlaubt den Bergsteigern, wann sie ihn besteigen sollten. Hättest Du den Wein nicht trinken wollen, hättest du die Flasche besser verstecken können oder erst gar nicht mitbringen wollen.“
Mein Freund redete und pries den Wein weiter an. Er bedauerte weiter, an diesem Abend diese wertvolle Flasche trinken zu müssen und stellte die Flasche auf einen Nebentisch in greifbare Nähe.
Ich konzentrierte mich auf das Essen. Das Lammfleisch war nicht ganz durch und ich konnte es nicht bis zu Ende essen.
Neben mir saß eine 50-jährige, fein angezogene Dame aus Düsseldorf, die uns mit leuchtenden Augen erzählte, dass es ihr nicht gelang, sich nach vielen Jahren in Singapur, Shanghai, Budapest und London, in Berlin einzuleben.
Woran liegt das?“, fragte mein Freund mit dem Wein.
Der Blick der Deutschen auf die Welt ist sehr eng und begrenzt“, antwortete sie, ohne nachzudenken.
Man sagt auch über die Schweizer, dass nicht die Berge ihr Hauptproblem wären, sondern dass sie die Berge vor ihren Augen haben“, fügte ich hinzu.
Dürfte ich euch einen Schluck von diesem edlen Tropfen anbieten, um euch vom Gegenteil zu überzeugen?“, fragte daraufhin mein Freund und holte die 80 Euro- Flasche heraus.
Klar, es ist höchste Zeit dafür“, reichte ich ihm mein Glas.

Samstag, 15. April 2017

Zum ersten Mal zum Spaziergang in Tiergarten



Zum ersten Mal zum Spaziergang in Tiergarten

Es war ein herrlicher Herbsttag. Die Sonne schien. Die Natur hatte die Blätter der Bäume in prächtigen, goldenen Farben bemalt. 
Ich war erst seit 10 Tagen in Berlin und wusste noch nicht, dass der Herbst in Deutschland eine Jahreszeit war, die nicht sehr lange dauerte und einen schnellen Übergang zu einem langen und dunklen Winter darstellte.
So ging ich lange durch die Alleen des Tiergartens spazieren, genoss den Anblick schöner Denkmäler und beobachtete, wie sich die Bäume in den Wasserkanälen widerspiegelten. Irgendwann fühlte ich mich ein wenig müde und setzte mich auf eine Parkbank hin.
Die Bank lag ein wenig versteckt hinter einer kleinen Brücke und bot eine wunderschöne Aussicht auf eine Vielfalt von Farben, in denen die Bäume erstrahlten. Es war einige Minuten menschenleer, bis ein alter Mann vorbeiging. Ich grüßte ihn mit einem Lächeln. Schließlich waren wir abgesehen von einigen singenden Vögeln die einzigen Lebewesen an diesem sonnigen Nachmittag. Er schaute mich lange und prüfend an, als er an mir vorbeiging, verlor aber kein Wort.
Ich erinnerte mich, dass es in Deutschland nicht angemessen war, Menschen zu grüßen oder anzulächeln, die man nicht kannte. Schließlich waren die Deutschen auch in Bulgarien als distanziert und kontaktscheu bekannt. Ich ging davon aus, dass er deswegen so auf meinen Gruß reagierte.
Umso größer war meine Überraschung, als ich den alten Mann nach wenigen Minuten zurückkommen sah.  
Vielleicht hatte er sich überlegt, dass er auf meinen Gruß antworten wollte.
Ich hatte gelesen, dass Menschen aus Deutschland lange Zeit brauchten bevor sie mit einem anderen Menschen Kontakt aufnahmen. Vieleicht hatte er es sich anders überlegt und wollte letztendlich einen freundlichen Eindruck hinterlassen.
So schaute ich den alten Mann wieder mit einem freundlichen Lächeln an und erwartete seinen Gruß. 
Er trug eine weiße Baseballmütze und hatte eine Brille mit dünnem, goldenem Rahmen auf. Seine Jeansjacke war bis oben hin zugeknöpft. Dieses Mal ging er einen Schritt langsamer an mir vorbei. Er schaute mich wieder lange und prüfend an.
Sein Blick hatte etwas Unklares, etwas Forderndes, als ob er etwas von mir erwarten würde...Der Typ war aus meiner Sicht unberechenbar. 
Oder bildete ich mir das nur ein?
Vielleicht war er einfach nur müde von seinem Spaziergang und wollte langsamer zurückgehen, damit seine Kräfte ausreichen würden, um nach Hause zu kommen.
Umso größer war mein Staunen, als er wiederkam und sich neben mich setzte. Ich fühlte mich ein wenig unwohl, seine körperliche Präsenz neben mir zu spüren. Er roch nach einem intensiven, herben Duft.
Was hatte das zu bedeuten? Was hatte er vor?
Körperlich war ich ihm überlegen. 
Für den Fall, dass er mich ausrauben wollte, hatte ich nichts zu befürchten. Schließlich hatte ich nicht umsonst viele Jahre intensiv Taekwondo praktiziert.
Ich versuchte mich zu entspannen. Vielleicht war es dem Alten danach, ein wenig Smalltalk über das herrliche Herbstwetter zu halten.

Ich schaute zuerst nach vorne. Dann schaute ich ihn an. Unsere Blicke trafen sich. Es gab etwas Trübes in seinen blauen Augen. Dann kam seine Frage:
„Darf ich Ihnen einen blasen?“
Ich stand auf und rannte so schnell ich konnte davon.






Samstag, 11. März 2017

Die Sauna am Hermann Platz



Die Sauna am Hermann Platz

Es war einer dieser Sonntage im November, an dem man am besten im Bett bleiben sollte. Grau und regnerisch.
Es machte aber keinen Spaß so lange im Bett zu bleiben. Besonders, wenn man dort alleine war.
So entschied ich mich, in die Sauna zu gehen. Ich hatte noch zwei Gutscheine für „Holmes Place“ und lud meinen Freund Bobi ein. Wir nahmen die U-Bahn und fuhren hin.
„Holmes Place“ war eine Kette von Fitnessstudios, die über schöne SPA-Bereiche verfügte. So waren wir voller Hoffnung, dass wir einen erholsamen Sonntag mit netten Gesprächen in den heißen Räumlichkeiten verbringen würden.
Die Realität war anders:
Als wir ankamen und das Anmeldeformular ausfüllten, verlangte der Junge an der Rezeption 1,70 Euro pro Saunatuch. Wir zahlten, gingen in die Umkleide, zogen uns aus und betraten den SPA-Bereich.
Der Sauna-Bereich bestand aus einem Dampfbad und einer finnischen Sauna. Er war voll mit Menschen. Mein Freund entschied sich, nicht hineinzugehen und stattdessen im Fitnessraum zu trainieren. Ich blieb dort, schließlich hatten wir deswegen den ganzen Weg gemacht. Es gab kaum noch Platz, um sich zu setzen. Zu 80% waren es Männer, die herumstanden oder saßen. Die meisten Besucher waren dunkelhaarig. Ich zählte dazu.
In fünf Minuten sollte ein Aufguss stattfinden, und alle warteten darauf. Ich ging zuerst duschen und erblickte eine kleine, blonde Frau in der Duschkabine neben mir. Sie hatte viele Tattoos. Es war ungewohnt für mich, einer nackten Frau so nahe zu sein, die ich gar nicht kannte. Mir fiel auf, dass sie Piercings an ihren Brustwarzen hatte. Ihre nackte Präsenz wirkte auf mich nicht erotisch. Im Gegenteil, es gab etwas an dieser Frau, was mich eher abschreckte. Sie hatte etwas Hartes in ihrer Ausstrahlung.
Ich duschte mich schnell, ohne sie weiter anzuschauen und ging in die Sauna hinein. Auf 15qm Raum gab es fast 20 Leute, die auf zwei Ebenen eng nebeneinander saßen. 
Alle waren nackt. Schließlich war nackt zu sein die Bedingung, um in die Sauna in Deutschland zu gelangen. Oft diskutierte ich mit Freunden darüber, ob die Deutschen durch Zurschaustellung der Nacktheit ihrer Körper in der Sauna ihre Zurückhaltung beim Ausdruck ihrer Gefühle im Alltag kompensieren wollten.
Ich war froh, in der unteren Ebene einen Platz zwischen zwei Türken zu finden und schaute mich um:
Im Raum gab es nur zwei Frauen. Die eine war die blonde mit den Piercings an den Brustwarzen und das andere Mädchen hatte lange, rote Haare. Ihr Saunatuch hatte sie sich um den Körper geschlungen.
„Kein Hautkontakt mit dem Hooooolz!!!“, schrie die Blondine das rothaarige Mädchen an. Ihre nackten Füße berührten in der Tat das Holz, doch es kam zu keiner Reaktion ihrerseits. Ich dachte, dass das Mädchen möglicherweise kein Deutsch verstand.
Als die Blondine die Anordnung in Befehlston wiederholte, bewegte sich ein Türke neben dem rothaarigen Mädchen und schob sein Handtuch unter seine Füße.
Ich dachte zuerst, dass die Blondine den Saunaaufguss geben würde, da sie sich wie eine Chefin aufführte. Doch ich täuschte mich: Ein großer, dunkelhäutiger, gut gebauter und stark behaarter Mann mit kurzen Haaren kam mit zwei Eimern voll Wasser in die Sauna hinein. Er stellte die Eimer neben den Saunaofen, schaute das Publikum an und erklärte mit tiefer, lauter und selbstbewusster Stimme:
„Jetzt kommt der Sahara-Aufguss. SAHARA wird dabei groß geschrieben!! Zuerst ein wenig Sand aus der Wüste...“
Er schien einen arabischen Akzent zu haben. Es gab viele Geräusche, die aus der Tiefe seiner Kehle kamen, und die für Europäer und Türken unüblich waren. Er streute sorgfältig vom weißen Pulver aus einer kleinen Glasflasche auf die heißen Steine im Saunaofen. Im Raum war es stickig und eng. Ich musste meine Beine übereinanderschlagen, um sitzen bleiben zu können.
„Wie ging es den Menschen um mich herum?“, fragte ich mich und schaute mich um. Mein Nachbar rechts hatte einen großen Bauch und atmete schwer. Mein Nachbar links war der Kavalier, der dem rothaarigen Mädchen mit dem Tuch geholfen hatte. Er hielt seinen Kopf in seinen Händen und sah so aus, als ob er kurz davor war, ohnmächtig zu werden.
Das Salz schmolz schnell und ein beißender Duft erfüllte den kleinen Raum. Ich musste meine Augen schließen.
Plötzlich spürte ich eine nasse Männerhand, die zärtlich meine rechte Schulter berührte. Sie kam von hinten. Solange sie auf meiner Schulter und nicht an meinem Hintern war, war ich bereit, sie zu akzeptieren. Doch ich drehte mich sicherheitshalber um.
 „Paardooon!“, hörte ich eine feminine Männerstimme von hinten. Ein schlanker, blonder Mann konnte es nicht mehr aushalten und machte sich den Weg nach draußen frei. Er überflog mich mit dem Geschick eines Balletttänzers, um von der zweiten Ebene zur ersten zu gelangen. Als er graziös am Boden landete, stellte sich der große Araber demonstrativ vor ihn und versperrte ihm den Weg nach draußen.
„Ich habe gesagt, dass ihr Bescheid geben müsst, bevor ihr die Sauna verlässt!“, sagte er mit Befehlston. Er hätte gut der Freund der Frau mit den Piercings an den Brustwarzen sein können. Die beiden passten gut zueinander.  Ich kam mir wie in einer Schule vor. Ich mochte es nicht von Unbekannten eines Besseren belehrt zu werden. Obwohl ich das in Berlin öfters erlebte, empfand ich es immer noch als sehr unhöflich.
Der blonde Mann war aber offensichtlich darin geübt, mit solchen Situationen zurecht zu kommen. Er umkreiste den großen Araber flink, öffnete schnell die Saunatür  und gelangte mit Leichtigkeit in die Freiheit. Ich schloss die Augen und versuchte, mich auf meine Atmung zu konzentrieren. Ich wollte es gerne bis zum Ende aushalten. Ein Saunaaufguss sollte nicht länger als 5-10 Minuten dauern und das Immunsystem stärken.
„Jetzt kommt Honig mit Eukalyptus!“, kündigte der große Mann an und goss eine Flüssigkeit über die heißen Steine. Der Gestank, der sich breitmachte, hatte leider weder viel mit Honig noch mit Eukalyptus zu tun. Es roch, als ob eine Mischung aus Pferdekot und Urin auf die Steine gestreut worden war. Ich hatte Tränen in den Augen. Mit meiner rechten Hand drückte ich meine Nase zu.
Das rothaarige Mädchen hielt es offensichtlich nicht mehr aus. Sie war offensichtlich neu in Deutschland und konnte sich nicht so schnell wie die übrigen Saunainsassen an die unbekannte Situation gewöhnen. Sie stand auf und ging hinaus.
„Das ist zum Kotzen!“, kommentierte die Blondine mit den Tattoos ihr Verhalten mit lauter Stimme. Sie hatte bestimmt etwas gegen Frauen, die keine Piercings an ihren Brustwarzen hatten.
Meine Augen waren geschlossen. Mit einer Hand hielt ich mir die Nase zu. Ich überlegte, ob ich stattdessen nicht lieber die Ohren halten sollte. Dieser Sauna-Besuch war eine Herausforderung für alle Sinne.
In diesem Moment nahm der große Araber ein riesiges, weißes Tuch und schrie mit entschlossener Stimme in der Luft:
„Jetzt kommt die Nummer des Helikopters in der Saharaaaa!“
In der Tat wirbelte er  wie ein Wilder mit dem Tuch in der Luft, als ob er einen Helikopter nachmachen wollte. Heiße, stinkende Wellen durchfluteten den Raum und brachten mich zur Verzweiflung. Ich fühle mich so, als ob ich auf einer Toilette festsitzen müsste, die keine Spülung hatte und jahrelang nicht gereinigt worden war. Und das bei 90°C! Dieser Aufguss sollte nicht Sahara-Aufguss, sondern „Stuhlgang in der Sahara“ heißen. Offensichtlich war ich mit dieser  Meinung nicht allein. Der Türke neben mir gab ein tiefes, aber robustes Geräusch von sich hin. Es hörte sich an wie das Geräusch eines verärgerten Bären.
„HMMMMMMMMMM!!!“
Dann richtete er sich langsam, aber fest entschlossen auf und wollte gehen. Er stand vor seinem Peiniger und schaute ihm fest in die Augen. Der Araber machte die Drehungen bis zum Ende, ohne den Türken aus den Augen zu verlieren. Er spürte, dass der kleine Mann zu allem fähig war und nicht nachgeben würde. Dann öffnete er widerwillig mit einem Seufzer die Tür. Ich nutzte die Chance und sprang mit der Schnelligkeit einer Katze dem kleinen, türkischen Bären hinterher, aus der überfüllten Sauna heraus.
Was für ein Vergnügen war es, frei ein- und ausatmen zu können! Es fühlte sich herrlich an, die Sahara zu verlassen und wieder in Freiheit zu sein.
Es dauerte einige Minuten, bis ich wieder zu mir gekommen war. Als ich durch die Glasfenster in die Sauna hineinschaute, sah ich den Araber mit einer riesigen Feder und einer eisernen Miene die Luft in der Sauna durcheinanderwirbeln. Unsere Blicke trafen sich für eine Sekunde. Er schaute mich mit einer Mischung aus Verachtung und Sarkasmus an.
Sein Blick vermittelte mir klar seine Botschaft:
Der Sahara-Aufguss am Hermannplatz war nicht für Weicheier.